Rouven Nebelmoor

Stimme des Volkes im Dreigestirn

Vorsichtig balanciere ich den bis zum Rand gefüllten Tonkrug den dunklen Gang entlang. Der scharfe Geruch seines Inhalts sticht mir in die Nase. Das kostbare, goldgelbe Getränk ist für Rouven Nebelmoor bestimmt, der wieder einmal Schlaf, Hunger und Durst über seine Arbeit vergessen hat.
Seit er als Vertreter des Volkes an der Seite von Anselm Lichtschwinge und Achela Schwarzauge die Geschicke des Ekurischen Reiches übernommen hat, verbringt er, wenn er nicht gerade am Dreieckstisch seinen Platz eingenommen hat, Tag und Nacht in seiner Kammer und brütet über Steuereinnahmen, Zölle, Gerichtsurteilen und Handelsrouten.
Das Militär und die Kirche interessieren ihn nicht besonders. Kriegstreiber und Dummschwätzer nennt er deren Vertreter häufig. Ganz ernst meint er diese Worte jedoch nie.
Das Volk dagegen liegt ihm am Herzen. Die einfachen Ekuren lieben den alten Rouven, seit er als Jarl von Dâlerion im harten Winter des Jahres 21 v.d.S. die Grundversorgung einiger abgeschnittener Dörfer organisierte und so zahlreiche Ekuren vor dem Tod durch Hunger und Kälte bewahrt hat. Diese Tat war es letztendlich auch, die ihm die Position des Volksvertreters eingebracht hatte. Dennoch ist der Alte unter den führenden Persönlichkeiten Ekuriens nicht ganz unumstritten. Seine Gegner lasten ihm seine Position als Funktionär unter dem verhassten Niallus noch heute an; vergessen jedoch, dass Dâlerion, nicht zuletzt dank Rouven Nebelmoor, unter dem Joch des Despoten recht frei zu atmen vermochte. Andere werfen ihm vor den Glauben nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu vollziehen, übersehen jedoch, dass Roven stets für die Freiheit, das höchste Gut der Schwinge, eingetreten ist.
Ich erreiche die Tür zu Rouvens Gemächern und bin froh die Kälte des Felsgewölbes hinter mir zu lassen. Wohlige Wärme strömt mir entgegen als ich die schwere Tür öffne.

Über ein dickes, in einen Einband aus Ziegenleder gefasstes Buch gebeugt, kauert die kleine hagere Gestalt des Alten einsam in seiner Kammer. Die zahllosen Sommer sind nicht spurlos an Rouven Nebelmoor vorbeigegangen. Die Haut an Gesicht und Händen ist runzelig und über und über mit Altersflecken bedeckt. Von seinem einstmals dichten Haar sind lediglich einige graue Strähnen geblieben. Auf dem Tisch vor ihm türmen sich weitere unzählige Schriftrollen und Folianten. Das hölzerne Rechenbrett ist unter dem Wust von Pergament und Leder schon fast verschwunden.
Lediglich eine Kerze, die mit einigen Tropfen Wachs provisorisch auf dem Tisch befestigt wurde spendet ein wenig Licht. In ihrem trüben Schein lassen sich gerade noch die staubigen Regale erkennen, die sich entlang der steinernen Wände unter der gewaltigen Last der zahllosen Bücher und Schriftstücke biegen. Aus einer großen Schale in der Ecke des Raumes steigt ein feiner Rauchfaden auf.
Das schwache Dämmerlicht macht nun auch den müden Augen des Alten zu schaffen. Angestrengt kneift Rouven sie ein wenig zusammen. Mit einem leisen Seufzer streckt er schließlich doch seine runzelige Hand aus und rückt das Schriftstück etwas näher an die Kerze.
„Meister Nebelmoor“, reiße ich ihn aus seinen Gedanken. „ Ich habe euch noch etwas zu trinken gebracht.“, sage ich weiter und stelle den Krug vorsichtig zwischen Rouven und sein Schreibzeug. Dankbar blickt sein freundliches Gesicht zu mir auf. Er lächelt und bittet mich dann freundlich noch etwas Räucherwerk nachzulegen. Ich tue wie mir geheißen und streue etwas von dem Gemisch aus Fichtennadeln und Wacholder auf die schon fast erloschene Glut im Räucherbecken. Kurz danach erfüllt ein harziger Geruch den Raum. Rouven streckt sich und kann dabei ein Gähnen nicht unterdrücken. Dann beugt er sich erneut über das Buch mit dem ledernen Einband. Er taucht die Schreibfeder in das Tintenfass und zieht einen Strich unter die endlosen Zahlenkolonnen. Dann schreibt er eine Zahl darunter. Traurig schüttelt er den Kopf.
„Wir werden wohl doch die Steuern erhöhen müssen….Wolkenbrücken wird so nicht über den Winter kommen.“, murmelt er mehr zu sich selbst, „ es sei denn…ja das könnte gehen!“ Tiefe Falten bilden sich auf seiner Stirn als er erneut endlose Reihen von Ziffern in das Buch zu schreiben beginnt. Mich als auch den tönernen Krug hat er schon längst vergessen als ich leise die Kammer verlasse.

Übersicht: Bedeutende Persönlichkeiten

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