Reiseberichte des Jorge Gest

Großhändler Jorge Gest, ein draufgängerischer Kaufmann mittleren Alters, kam mit seinem Gefolge nach Ekurien um dort Handel zu treiben. Was ihn dort erwartete wird im Folgenden verraten. Viel Spaß beim Lesen.

Durch den Nebel

Wir wanderten nun schon einige Tage durch diese unsägliche Landschaft. Um uns herum war nichts als dichter und beklemmender Nebel. Es war kaum möglich die eigene Hand, geschweige denn den Vordermann zu erkennen. Wir hatten versucht mit Fackeln einen Weg durch den Nebel zu leuchten und so den Tieren und auch uns ein wenig mehr Mut zu machen. Weshalb wir gerade diesen Weg eingeschlagen hatten war mir bei Zeiten ein Rätsel. Gab es denn keinen leichteren Weg um in dieses fremde Land mit Namen Ekurien zu gelangen?

Ein Spähtrupp der Ekurischen Armee, sie nannten sich selbst Krähen, hatte uns von ihrer Heimat berichtet und uns den Weg durch die „Nebellande“ geraten. Es würde sich lohnen in Ekurien zu handeln hatten sie uns versichert. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob man mit diesen ein wenig wild und dunkel wirkenden Männern und Frauen überhaupt verhandeln konnte oder ob wir nur unsere Waren in die Höhle des Löwen tragen würden. Die handvoll Söldner, welche wir vor einigen Tagen extra für die Reise angeheuert hatten würden wohl auch nicht viel gegen ein ganzes Land ausrichten können.

Gegen Mittag nahm der Nebel ab und der Weg wurde steiler. Es ging immer weiter hinauf. Die Esel hatten es schwer und einige der Söldner fluchten ob der Schwere ihrer Rüstungen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir den wohl höchsten Punkt des Weges. Der Nebel war ganz gewichen und ein steifer und kalter Wind wehte um uns. Gerade so als wolle er uns wieder zurück drängen und uns von diesem Land fernhalten.

Vor uns breitete sich ein gewaltiges Tal aus. In einiger Entfernung sah man kleine Hütten, von denen Rauch aufstieg und sich mit dem grauen Himmel vermischte. In der Mitte des teilweisen grünen Tals ragte jedoch eine weitere Formation von Felsen und Hügeln in den Himmel. Noch mächtiger und bedrohlicher, als der das Tal umarmende Ring aus Gestein, der nur im Süden zum Meer hin geöffnet war. Zwar war nun weit zu schauen, jedoch konnte mein Blick bei weitem nicht das ganze Land erfassen.

Vielleicht erging es den zwei Frauen ja anders, die sich links und rechts des Weges in Felsnieschen postiert hatten und uns mit gezückten Bogen misstrauische beobachteten. Als sie keine Anstalten machten uns anzuhalten oder anzugreifen setzen wir unseren Weg in das Landesinnere weiter fort. Der Wind hatte sich gedreht und trieb uns nun schnellen Schrittes und Bergabwärts voran. Über uns zogen jedoch dunkle Wolken zusammen und verdeckten die letzen strahlen der Nachmittagssonne.

Von Ziegen und ihrem Hirten

Noch während des Abstiegs in das Tal erstrecke sich zu unserer Rechten eine ebene Stelle, auf der spärlich grünes Gras wuchs. Eine Hand voll Ziegen war dabei auch die letzen Reste des Grüns genüsslich zu verspeisen. Sie beachteten uns nicht weiter und fast wäre uns die männliche Gestalt nicht aufgefallen, die mitten zwischen den Ziegen stand.

Gekleidet war der Hirte in Felle, die offensichtlich von seinen Tieren stammten und seinen ganzen Oberkörper umhüllten. Die Beine waren mit Beinkleidern aus Leder bedeckt. Seine schwarzen Haare wehten im immer noch herrschenden Wind des Landes. Seine Haut glich gegerbtem Leder. Seine Augen kniff er ein wenig zusammen und beobachtete unseren mühevollen Versuch dem Weg nach unten zu folgen. Ihm schien es gleichgültig zu sein, dass Fremde in das Land, welches er wohl als seine Heimat sah, einzogen.

Was mich am meisten wunderte, war das Fehlen eines Hundes, der Hirten doch so oft bei ihrer täglichen Arbeit zur Seite steht und auch als Gefährte gegen die Einsamkeit helfen mag. Dieser Mann schien sich alleine mit seinen Ziegen wohl zu fühlen. Und sie sich mit ihm; keines der Tiere war weit von der Herde entfernt oder machte Anstalten sich uns anzuschließen. Gerade so, als würden sie im Einklang mit ihrem Aufseher leben.

Fast hätte ich den mächtigen Greifvogel übersehen, der über uns kreiste. Vor unseren Augen stürzte er sich vom Himmel herab um kurz darauf mit einem kleinen Tier im Schnabel wieder in die Höhe zu schnellen und sich zwischen zwei Felsspitzen niederzulassen und sich seiner Beute zu widmen.

Der Ertrag des Landes

Die Wolken über dem Land hatten sich nicht verzogen, sondern waren enger zusammen gerückt. Vom Himmel prasselte nun das Wasser auf unsere Köpfe hinab. Gleich feinen Bindfäden legte sich das Wasser auf unserer Kleidung nieder und drang bis auf unsere Haut vor. Der Wind hatte kaum nachgelassen und zog eisig an unseren Gesichtern vorbei und hinterließ ein unangenehmes Frösteln.

Wir wanderten nun schon den ganzen Nachmittag durch das Land, hatten aber bis auf einige weitere Ziegenhirten noch keine anderen Menschen gesehen. Unser Ziel war eine Hütte, die auf einem kleinen Hügel gelegen war und so schon seit einiger Zeit in der Ferne zu erkennen war. Jetzt, da wir näher gekommen waren erkannten wir Felder um das Haus herum. Felder voller Korn und reifen Ähren.

Mitten in den Feldern standen Männer, die Sensen führten und ihrem Tageswerk nachgingen. Ihre Gestalt war mächtig und ihre Arme glichen den Oberschenkeln unserer Söldner. Trotz des schlechten Wetters gingen sie ihrer Arbeit nach und holten das Korn ein.

Ich näherte mich einem von ihnen und versuchte in Erfahrung zu bringen, ob es in der Nähe eine Unterkunft für die Nacht gebe. Der Mann schaute nur kurz hoch, verzog keine Mine und schnaubte mir ein „am Haus vorbei und dann dem Weg folgen“ entgegen. Gastfreundlich schienen diese „Ekuren“ nun wirklich nicht zu sein.

Wir taten, wie uns geraten wurde und zogen am Haus vorbei. Es bestand von oben bis unten aus Stein. Grober Stein, der nur notdürftig behauen war und dem großen Haus das Aussehen eines Berges verlieh, in den eine Höhle geschlagen worden war. Aus dem Schornstein drang Rauch und ein starker Geruch nach Gebratenem. Die massive Haustür war mit Federn geschmückt und auf Augenhöhe war ein Wappen eingeritzt. Ein hinab fahrender Blitz und ein Greifvogel, der gerade im Sturzflug auf seine Beute war.

Hinter dem Haus begann der Weg, von dem der Bauer gesprochen hatte. Es war ein ausgelaufener Pfad auf dem nicht wuchs und der durch den noch immer andauernden Regen aufgeweicht war. In der Ferne sahen wir ein weiteres Haus…

Das laute Nest der Adler

Beim Öffnen der Holztür drang eine dicke und stickige Luft aus der Wirtschaft, zu der wir gewiesen worden waren. Ein Donner von Musik drang an unsere Ohren und blies uns fast die Seele aus dem Leib. Es waren Trommeln und Flöten die laut es ging gespielt wurden. Dazu schlugen die anwesenden Männer und Frauen mit ihren Krügen im Takt auf den Tisch.

Die Tische waren getränkt vom hochprozentigen Gebräu, welches reichlich floss. Einige der Anwesenden tanzte auf den Tischen und grölten in einer Sprache, die ich noch nie vernommen hatte. Voller Lebensfreude taumelte uns ein junger Mann entgegen und hielt mir mit letzter Kraft einen Krug entgegen, bevor er vor meinen Füßen zusammenbrach und laut schnarchend seinen Rausch ausschlief.

Der Wirt schenkte fleißig aus einem großen Fass nach und achtete penibel darauf, dass sein Geldbeutel auch im Ausgleich reich gefüllt wurde. Seine Gäste schienen einfache Landarbeiter und Handwerker zu sein. Doch eine kleine Gruppe stach aus der Masse heraus. Zehn junge Recken saßen in einer Ecke um einen runden Tisch, hinter dem das Abbild einer großen Schwinge angebracht worden war. Sie trugen Wappenröcke auf denen sich ein Greifvogel und ein Blitz den Platz teilten. Seine Farbe war so blau wie der Himmel des Landes.

Die anderen Gäste hatten sich ein wenig von diesen militärisch wirkenden jungen Leuten entfernt. Dies geschah wohl aus dem Grund heraus, das sie sie respektierten und nicht stören wollten. Auf dem Tisch lag eine große Karte, die, wie ich beim Näher kommen erkennen konnte, einen Teil der Mittellande zeigte. Als sie uns bemerkten riefen sie uns zu sich und verstauten dabei die Karte. Sie durchbohren uns mit ihren Fragen nach unserer Herkunft und dem Lande außerhalb Ekuriens. Sie waren wie besessen neue Dinge zu erfahren und berichteten im Gegenzug von sich. Sie stellten sich als „Adler“ vor. Eine schwer gerüstete Kampfeinheit des Sturmbringer Ordens. Über ihren Auftrag oder ihre Ziele erfuhr ich den ganzen Abend über nichts. Selbst als sie mit uns von dem Wasser des Tullamoors, so nannten sie das sehr schnell betrunken machende Gebräu, tranken blieben sie doch in ihrer Rolle als disziplinierte Soldaten standhaft. Der Abend endete für die meisten von uns auf oder unter den Tischen der Wirtschaft.

Fortsetzung folgt …

 

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