Bericht des Merf Falkus

Streng vertraulich

Verfasser: Merf Falkus
Datum des Eingangs: Januar, 4. Tag, 3 n.d.S.

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Glaubt mir, ich will Euch die Wahrheit berichten, so wie ich sie erlebte. Ich, Merf Falkus, werde die Geschichte von Merf Falkus erzählen und die Erlebnisse Merf Falkus dem Obersten Rat der geschätzten Stadt Dâlerion in der Hoffnung überreichen, dass die Wahrheit dessen, was ich erlebte, sie zum Eingreifen bewegen wird.

Es ereignete sich vor einigen Monden, dass ich mit meinem Gefolge von Dâlerion aufbrach um den langen Weg zu Kûrigs Warte anzutreten. Es erschien mir klug, den längeren dafür weniger beschwerlicheren Weg zu wählen damit der Schatz, den wir zu bewegen hatten, auch sicher an seinen Bestimmungsort zu gelangen vermochte. Doch diese Entscheidung sollte sich als alles andere als klug herausstellen. Die Wahrheit: Es war ein schrecklicher Fehler. Ein Fehler, dessen Folge nicht nur in dem Tod zahlreicher Ekuren gipfeln sollte.

Am ersten Abend nach dem Aufbruch aus Dâlerion starb der Erste.

Wir erreichten unseren Lagerort mit dem Einbrechen der Dunkelheit. Es zeichnete sich ab eine sternenklare und ruhige Nacht zu werden, als ich die Wachen für die Wacht einteilte.

Plötzlich zerriss ein greller Schrei ganz in der Nähe unserer Zeltstatt die bis dahin friedliche Ruhe. Der Schrei war eindeutig nicht menschlichen Ursprungs gewesen. Das Lager war trotz der Anstrengung des Tages sofort hellwach und auf den Beinen. Ich rannte mit den Männern, die mich umgaben, zu der Stelle, wo wir den Ursprungs des Schreis vermuteten. Dort fanden wir Glem Scharfaug, einen der Händler, die den Tross begleiteten, angewurzelt und kreidebleich über etwas stehen. Von weitem sah es aus wie ein Haufen Fell, doch beim Nähertreten konnte man eine Art Gesicht verorten. Genauer gesagt, eine wilde Fratze, deren Züge sich im Todeskampf grässlich verzerrt hatten. Nein, das war kein Mensch. Es war vielleicht so groß wie ein Kind. Über und über mit Fell bedeckt. Bei genauerer Betrachtung entdeckte ich vier äußerst kräftige Glieder, wobei die Enden zweier in messerscharfen Sensen endeten. Die anderen beiden waren doppelt so lang und waren jeweils mit einer Hufe bestückt. Aus dem Maul des Geschöpfes ragten zwei überaus lange Stoßzähne, deren Schärfe den Sensenarmen in nichts nach stand.

Glem, der offenbar der langen blutige Axt in seinen Händen zu urteilen für den Tod dieser Kreatur verantwortlich war, erholte sich schnell von dem Schock. Wie viele Ekuren kämpfte auch er in der Nacht des Sturmes und weiß sich gegen einen unerwarteten Angriff durchaus zu erwehren. Diesem Umstand verdankte er vermutlich sein Leben. Denn so wie es aussah und wie Glem es auf Nachfragen meinerseits mehrmals bekräftigte, hatte es dieses ekelhafte Geschöpf vor Glem umzubringen.
Und während wir darüber nachsannen, woher die Kreatur kam und wieso sie Glem angefallen hatte, erschrill vom anderen Ende des Lagers ein weiterer Schrei. Dieser jedoch ward menschlichen Ursprungs. Wir eilten also zur anderen Seite und fanden den ersten toten Ekuren unserer Reise: Richard Falkensee. Nun, genauer gesagt, fanden wir ein Haufen Fleisch mit Armen, Beinen und einem Kopf, der dem des Richard Falkensee recht ähnlich war. Offensichtlich ward Falkensee das Opfer eines weiteren Fellwesens geworden.
Während Einigen die Übelkeit ins Gesicht stieg, besann sich meine Wenigkeit sofort und rief zum Alarm. Jenes stellte sich allerdings als überflüssig heraus, da das gesamte Lager bereits aufgerüstet hinter mir stand. Also teilte ich die Männer und Frauen in Gruppen zu fünft ein und ließ sie die halbe Nacht die Gegend durchkämmen. Erfolglos.

Wir verbrannten die Überreste Falkensee noch an Ort und Stelle. Der Wind Ekuriens erfasste seinen Geist. Möge Fâlir sich seiner annehmen.
Die Kreatur, die Opfer Glems Axt geworden ist, spießten wir auf. Uns fiel nichts Besseres ein. Wir hofften, dass diese Geste uns vor weiteren Angriffen verschonte. Ich gebe zu, dass dies vielleicht am Ende dazu beigetragen hat, die Dinge etwas zu verschärfen.

Wir brachen noch vor Sonnenaufgang auf. Den Schatz in der Mitte des Trosses konnten wir es kaum erwarten diesen unseligen Ort zu verlassen. Trotz der Ereignisse der Nacht kamen wir erstaunlich zügig voran. Den ganzen Tag beschlich uns allerdings das Gefühl, dass uns jemand folgt. Ich ließ einige Männer als Nachhut zurück, doch konnten sie nichts ausmachen. Am Abend dann hatten wir viele Meilen zurückgelegt. Noch vor Einbruch der Dämmerung schlugen wir das Nachtlager auf. Ich teilte die doppelte Anzahl an Nachtwachen ein und wies alle Männer und Frauen an, das Schwert an ihrer Seite zu behalten. In dieser Nacht taten wir kein Auge zu, doch nichts geschah. Eine merkwürdige Stille hatte sich seit Einbruch der Dunkelheit ausgebreitet und verschwand erst nachdem die ersten Sonnenstrahlen des beginnen Tages über die Bergeszinnen krochen. Nur mühsam wollte das Lager sich zum Leben erwecken. Ich war nicht der Einzige, bei dem die Anstrengung der vergangenen zwei Tage einen nach unten ziehen wollte. Mit einiger Verspätung gelang uns der Aufbruch.

Bis zu Kûrigs Warte waren es noch 7 Tagesmärsche und nichts sehnten wir uns mehr als dorthin zu gelangen. Den Schatz in der Mitte durchwanderten wir die schmalen Täler des Schwarzkammgebirges.

Am Abend des dritten Tages, ließen wir uns am Ufer eines kleinen Flusses nieder, dessen Wasser kalt und klar unsere müden Glieder erfrischte. Die Anspannung wich für einen Augenblick wohltuender Glückseeligkeit. Dann kamen sie.

Ich wurde jäh aus meinen strategischen Planungen für die nächsten Tage gerissen als ich die sich überschlagenden Stimmen der Wachen vernahm. „Sie kommen aus dem Tal!“, „Wir werden angegriffen!“ „Oben! An der Bergkuppe!“ und „Aaah, wir sind des Todes!“. Lassen Sie mich kurz den letzten Aufruf aufgreifen: Der Mann, der dieses schrie lebte noch ungefähr drei Augenblicke bis die Sense eines dieser Fellwesen seinen Kopf vom Rumpf trennte. Der von ihm kurz vor seinem Tode getätigte Ausruf entsprach Glediels zum Trotze der Wahrheit: Wir waren des Todes. Für den Großteil des Trosses traf dies sofort zu, mir und einigen anderen ward in diesem Augenblick jedoch noch etwas Zeit gegönnt.

Das Gemetzel näherte sich meiner Position und derer des Schatzes. Also handelte ich schnell. Ich rief Glem, der seit dem Vorfall am ersten Abend nicht mehr von meiner Seite wich, und zwei weitere Ekuren zu mir und wir nahmen den Schatz an uns und flohen. Wir überließen die übrigen Gefährten ihres oben bereits angedeuteten Schicksals. Ich handelte, wie mir vom Obersten Rat Dâlerions befohlen. Mich traf keine Schuld. Der Schatz hatte oberste Priorität.

Um uns herum tobte der Kampf. Ich weiß nicht, wie viele dieser Fellwesen uns an diesem Abend angriffen, aber es waren bestimmt an die Hundert. An der Stelle, von wo aus ihr Angriff erfolgte, glaubte ich plötzlich in dem aufgewirbelten Staub eine schemenhafte Gestalt wahrzunehmen, aus deren Haupt Federn zu ragen schienen. Doch die Gestalt verschwand so schnell wie sie gekommen ward und der Kampf holte mich mit seiner gesamten Grausamkeit zurück in die Wirklichkeit. Einer der Ekuren, der meine Flucht begleitet hatte, wurde von einem Fellwesen angesprungen. Noch ehe sein Körper auf den Boden traf, hatte Fâlir seinen Geist schon zu sich geholt.
Nunmehr waren wir nur noch zu dritt. Der Kampf verlagerte sich immer mehr zu dem Ort der Truhe, in der wir bis vor wenigen Augenblicken noch der Schatz aufbewahrt hatten. Dies erwies sich als glückliche Fügung. Uns gelang ungesehen die Flucht über die Bergkuppe.

Wir liefen um unser Leben über Stein und Geröll viele Meilen weit. Bis unsere Beine schließlich ihren Dienst verweigerten. Wir suchten Schutz unter einem Felsüberhang und verbrachten den Rest der Nacht zusammengekauert unter kaltem Fels.

Am vierten Tag war der Himmel über uns grau verfärbt. Wieder hatte sich ab der zweiten Hälfte der Nacht diese eigenartige Stille breit gemacht. Doch dieses Mal verschwand sie nicht mit dem Morgengrauen. Der dritte Ekure in unserem Bunde war Ruth Schwarmberg. Eben diese war es, die an diesem Morgen den wahrscheinlich rettenden Einfall hatte. Sie erinnerte sich an den Ort einer alten Garnison, die während des dunklen Zeitalters von Gardisten der eisernen Faust behaust wurde. Sie hoffte dort, auf Angehörige des Sturmbringerordens zu treffen, die sich während der Nacht des Sturmes dort festgesetzt haben. Die Feste war nur zwei Tagesmärsche in nordöstlicher Richtung unserer Position entfernt. Wir brachen sofort auf.

Die seltsamen Fellwesen hatten es wohl auf den Schatz abgesehen, denn im Laufe des Tages bemerkten wir immer wieder wie in der Ferne hinter uns schwarz Flecke die Bergflanken entlang krochen. Sie suchten uns. Mich beschlich immer wieder das Gefühl, dass irgend eine dunkle Macht ihre Schritte lenkte. War es Niallus, der dunkle Herrscher, der zurückgekommen ist? Oder war es eine andere finstere Macht, die aus dem Gebiet hinter den Grenzen hervorkam um in Ekurien einzufallen? Allerdings wussten nicht viele von der Macht des Schatzes, den wir bei uns trugen. Nur der Oberste Rat Dâlerions und der Tempel der Großen Schwinge waren in die Geheimnisse dieses Schatzes eingeweiht. Und der Oberste Rat selbst hatte uns auf diese Reise geschickt. Es könnte also nur,… Aber diesen Gedanken wollte ich nicht weiterdenken.

Auf unserer Flucht hatten wir weder Brot noch Wasser mitnehmen können. Und so wurden wir alsbald gezwungen unsere Marschrichtung zu ändern um Wasser aus einem nahem Fluss zu schöpfen. Damit hatte auch unserer Feind gerechnet. So weilten wir nur wenige Augenblicke am Ufer des Fluss als jäh uns ein Spähtrupp dieser Fellwesen entdeckte, der offensichtlich den Flusslauf entlang patrouillierte. Es waren fünf dieser widerwärtigen Kreaturen an der Zahl, die sofort laut kreischend auf uns zusprangen. Glem und ich stellten uns ihnen heroisch in den Weg, während Ruth noch ihren Wasserschlauch zu Ende befüllte.
Uns gelang zwei von Ihnen abzuwehren, dann erwischte es Glem. Sie zerfetzten seinen Schwertarm und ehe er sich es versah waren sie über ihm. Ich konnte ihm nicht helfen. Auch Ruth war inzwischen in den Kampf verwickelt. Sie kämpfte tapfer und verbissen, so wie es sich für eine ekurische Frau auszeichnete. Ich hatte allerdings keine Zeit um groß in andächtiger Bewunderung zu verharren und konzentrierte mich voll und ganz auf das Fellwesen vor mir. Aus irgend einem Grunde, wollte es mich nicht töten; mal ganz davon abgesehen, dass dies ihm in Anbetracht meiner Stärke und Fähigkeiten am Schwert auch nicht ohne weiteres gelungen wäre. Es wich vor meinen Schlägen zurück. Gerade wollte ich ob meiner Überlegenheit in Freude ausbrechen, als ich plötzlich einer weiteren Person gewahr wurde. Das Fellwesen ließ nun ganz ab vom Kampfe. Auch die anderen beiden Fellwesen, die sich eben noch auf Ruth stürzen wollten, zogen sich zurück. Die Person trat nur wenige Fuß vom meiner Stelle entfernt hinter einem Felsen hervor.

Verehrter Oberster Rat von Dâlerion, wie ich Euch bereits oben versicherte, will ich die Wahrheit, nichts als die Wahrheit berichten: Die Person, die sich so plötzlich während des Kampfes vor Ruth Schwarmberg, mir, Merf Falkus, und den sterblichen Überresten von Glem Scharfaug manifestierte, war, so wahr mir Glediel helfe, eine Eule des Tempels der Großen Schwinge. Es war nicht nur irgend eine Eule. Es war Achela Schwarzauge, die oberste Eule des Tempels, Vorsitzende der Dreigestirns von Ekurien.

[ … Text-Fragmente fehlen … ]

Man möge mich für verrückt halten, man möge mir die Zunge aus dem Munde schneiden, es ist die Wahrheit. Sie nahm sich den Schatz. Sie ließ Ruth zu Asche verbrennen und sie war es, die mich in die schwarze Klamm warf, wo mich nach grausamen unzählbaren Tagen die Krähen gefunden haben.

Oberster Rat von Dâlerion. Ich, Merf Falkus, appelliere an Eure Treue zum Lande Ekurien, ein Land, welches sich aus eigener Kraft aus den Fesseln des Despoten befreite: Ein neue Gefahr steht uns bevor. Eine Gefahr, die durch Tücke und Hinterlist, die Freiheit eines jeden Ekuren bedroht. Achela Schwarzauge ist im Besitz der Roten Feder, ein uraltes Artefakt, welches ich ans Ende des Reiches Ekurien bringen sollte, auf dass es dort auf ewig verborgen unter dem Fels die Jahrhunderte verschlafen sollte. Niemand weiß, wie mächtig dieser Schatz wirklich ist. Aber Ihr wisset nun, wer diesen Schatz besitzt und mit welcher dunklen Macht dieser Jemand beseelt ist. Ich flehe Euch an, handelt!

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Beglaubigt,

Archivar Jerul Schleierburg

 

 

 

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